17. Mai 2015

Nelli und Lourdes – ohne Marek [ Trainingstagebuch – 07 ]

Es sind nun schon 8 Wochen, dass der Sör nicht mehr bei uns ist. Ich werde oft gefragt, was denn »die anderen beiden« dazu sagen, dass Marek nicht mehr da ist –  gemeint sind Nelli und Lourdes.
Getrauert haben sie nicht, damit hatte ich auch nicht gerechnet. Sie haben ganz selbstverständlich die Räume, die entstanden sind, gefüllt. Lourdes ist noch anhänglicher geworden. Und Nelli entspannter.
Vielleicht liegt es bei Nelli auch daran, dass man jetzt die schleichenden Veränderungen, die in den fast anderthalb Jahren, die sie bei uns ist, stattgefunden haben, wahrnimmt. Und die Aufmerksamkeit, die sie nun auf den Spaziergängen bekommt, tut ihr gut.
Gestern habe ich ihr eine Fährte gelegt und ich dachte daran, wie viel ich mit Marek immer gemacht habe: Dummytraining, Futterbeutel suchen, Fährten ... Der große Ehrgeiz ist vorbei, vielleicht, wenn ich irgendwann nochmal mit einem Hund ganz von vorn anfange, dass ich dann auch wieder schaue, was ich ihm alles beibringen kann. »Gib Laut« soll Nelli noch lernen – und richtig apportieren, mehr muss nicht sein.
Und ich bin schon jetzt sehr zufrieden, wie es mit Nelli läuft. Wenn es nicht gerade gewittert oder ein Modellflugzeug umherfliegt. Nelli dann zu halten ist ein Problem. Das macht ihr Angst und sie will nur noch weg, mit aller Kraft – aua, und ich habe gequetschte Finger!
Wir treffen viele Hunde – mit Marek bin ich ja meist allen aus dem Weg gegangen. Jetzt kann ich immer rufen, dass von mir aus der andere Hund frei bleiben kann, wenn ich sehe, dass jemand seinen Hund anleinen will, weil ich Nelli an der (Schlepp-)Leine habe. Großen Trubel brauche ich aber auch weiterhin nicht. Die Prinzessin findet zu viele Hund eher furchteinflößend und trollt sich. Sie hat ihre Vorliebe für kleine Terrier entdeckt. Wenn sie abgecheckt hat, dass ihr nichts passiert, setzt sie ihr Spielgesicht auf und mag dann auch mal ne Runde flitzen. Ansonsten ist ihr nichts so wichtig wie das Mäusesuchen (und -fangen). Das ist und bleibt ihre große Passion. Neben Krähen verjagen. Und bei letzterem hilft ihr Nelli gerne mit. :-)




18. April 2015

Am Blauen See


Vor drei Tagen waren wir am Blauen See. Als ich einen steilen Abhang hochkletterte, sah ich, wie schön der Wald mit dem leichten Grün zwischen den Schluchten und kleinen Wegen und Abhängen aussah. Vor drei Tagen hatte ich keine Zeit zum Fotografieren, also habe ich mich heute Morgen nochmal auf den Weg gemacht. Bei blauem Himmel und Sonnenschein. In den nächsten Tagen wird das wiederholt – dann aber nachmittags, damit die Sonne auf der anderen Seite steht.

Spiegelung im See – bei blauem Himmel ist der See seinem Namen entsprechend blau
Nelli ist den Abhang hochgeklettert – ihre Schleppe ist bei den vielen Bäumen und Geäst etwas hinderlich
Die Prinzessin wartete auf uns
Nelli sieht gut gelaunt aus
Auf dem Rückweg treffen wir Barney
Gestern waren wir mit Diego auf dem Schmugglerpfad

6. April 2015

Etwas war geschehen

Vor einiger Zeit las ich in einem Artikel, dass Trauer – im Gegensatz zur Depression – auch immer etwas mit einem Fest oder einer Feier zu tun hat. Indem man über den Verlust eines Menschen, eines Lebewesens, aber auch einer Sache oder einer Zeit trauert, zeigt man gleichzeitig, wie stark man diesen Menschen, dieses Tier, den Gegenstand oder das Erlebte wertschätzt – mit der Trauer feiert man gleichzeitig das Gewesene.

Ebenfalls vor einiger Zeit, ich glaube, es ist noch keine drei oder vier Wochen her, war ich in dem kleinen Theaterstück Ente, Tod und Tulpe, das auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Wolf Erlbruch basiert. Der Tod begleitet jeden von Anfang an. Erst sieht man ihn nicht, irgendwann kommt das erste Erkennen, dass er neben einem geht, ein ständiger Begleiter ist. Wenn man jung ist, fordert man ihn manchmal heraus, weil man sich stark fühlt. Wenn man älter wird, möchte man in seinem Leben noch etwas anderes machen, als das, was man immer gemacht hat: die Zeit, die einem im Leben noch bleibt, nutzen, als könne man sie dadurch aufhalten. Und dann kommt der Tag, an dem der Tod auch ein Trost sein kann.

»Zarter Schnee schwebte in der Luft. Etwas war geschehen.
Der Tod schaute die Ente an. Sie atmete nicht mehr. Sie lag ganz still.«

Ebenfalls von Wolf Erlbruch in dem Buch Die große Frage (nämlich die nach dem Sinn des Lebens) steht auf einer Seite:

Sagt der Tod: 
»Du bist auf der Welt, um das Leben zu lieben.«

und auf einer anderen:

Sagt der Hund:
»Ich glaube, man ist zum Bellen auf der Welt – und zeitweise, um den Mond anzuheulen«

Mark Rowlands schreibt in seinem Buch Der Philosoph und der Wolf:
Die Zeit der Wölfe ist, wie ich vermute, ein Kreis, keine Linie. Jeder Moment ihres Lebens ist in sich vollständig. Und Glück liegt für sie in der ewigen Wiederkunft des Gleichen. Wenn die Zeit ein Kreis ist, gibt es kein Nimmermehr. Und dementsprechend ist die Existenz nicht auf die Vision des Lebens als Abwicklung von Verlust ausgerichtet. Die Regelmäßigkeit und Wiederholung, die unser Leben in Brenins letztem Jahr kennzeichneten, ermöglichteten mir einen flüchtigen und verschwommenen Blick auf die ewige Wiederkunft des Gleichen. Und wo kein Gefühl des Nimmermehr ist, fehlt auch ein Gefühl des Verlustes. Für einen Wolf oder Hund ist der Tod wirklich das Ende eines Lebens. Und aus diesem Grund hat der Tod keine Macht über sie. Das bedeutet es, wie ich glaube, ein Wolf oder Hund zu sein.
 * * *

Ich bin kein Hund oder Wolf, für mich gibt es ein Nimmermehr. Ich gehe einen Weg und denke: Als ich ihn das letzte Mal ging, war Marek noch dabei. Ich werde noch viele Wege in den nächsten Wochen und Monaten ablaufen müssen, damit es keinen Weg mehr gibt, bei dem ich das noch denke. Und ich werde die Jahreszeiten durchleben müssen, und mit ihnen diese Gedanken: Als das letzte Mal der Löwenzahn blühte, bin ich mit Marek über diese Wiese gelaufen. Am letzten Neujahrstag war er mit dabei, als wir zum Dörnberg gingen. Jedesmal fehlt er mir und jedesmal feiere ich ihn, weil er so lange bei mir war. Wir sind bestimmt über 30.000 Kilometer zusammen gelaufen. Da dürfen (oder müssen?!) die ersten Kilometer ohne ihn schmerzhaft sein – und die Gedanken an die gewesene Zeit.

[ Das Foto oben stammt aus dem ersten Winter, an dem Lourdes zu uns kam – Januar oder Februar 2010. ]

29. März 2015

Marek

30. Juni 2001 – 28. März 2015
seit dem 9. April 2002 unser Hund

Wir treffen uns in unseren Träumen wieder.
[ Mark zu Brenin in: Der Philosoph und der Wolf | Mark Rowlands ]

Mach’s gut, mein Großer. Fast 13 Jahre habe ich auf Dich achtgegeben, für Dich gesorgt, aufgepasst, dass Du nicht zu viel Unsinn anstellst. Fast 13 Jahre warst Du mein Schatten – wenn Du konntest, warst Du da, wo ich war, hast auf mich achtgegeben und mich beschützt. Jetzt musst Du ohne mich gehen, Du bist nun frei.

Du bist nun frei und unsere Tränen wünschen Dir Glück. 
[ J. W. Goethe ]

22. März 2015

Der kleine Prinz


Du bist zeitlebens für das verantwortlich, 
was du dir vertraut gemacht hast.
[ Der kleine Prinz | Antoine de Saint-Exupery ]
  
In 18 Tagen ist Marek 13 Jahre bei uns, in 100 Tagen wird er 14 Jahre alt. 
Als Marek jung war dachte ich, 12 Jahre soll er alt werden, dann habe ich gut auf ihn acht gegeben. Als er 13 wurde dachte ich, 14 wäre schön – und wenn er 14 wird, dann wird er ewig leben.

Vor etwas mehr als drei Wochen haben wir die Diagnose bekommen, dass er krank ist, und dass es nicht nur die gezählten Tage, Monate und Jahre sind, die uns ans Abschiednehmen denken lassen, sondern dass wir uns nun ganz konkret mit dem Thema auseinandersetzen müssen, dass das "Irgendwann" schon morgen sein könnte. Seitdem haben wir gute und schlechte Tage. Der Tag ist in mehrere Teile gesplittet, in denen oft die Angst vorherrscht: nach dem Aufstehen – wie geht es ihm heute?; beim kurzen Spaziergang – kann er gut laufen, hat er Schmerzen?; vorm Schlafengehen – wie wird die Nacht? Dazwischen gibt es die guten Momente, wenn er mir wedelnd entgegen kommt, wenn ich von der Arbeit komme, wenn er sein "huhuhuuuu" singt, weil es gleich Fressen gibt, wenn er an den Tisch kommt, um Leckereien abzustauben. Und er – der kleine Prinz – bekommt alles: die besten Schmeckewöhlerchen, die wir zu bieten haben, den schönsten Platz auf dem Sofa, unsere volle Aufmerksamkeit – und er darf den Weg bestimmen, den wir über die Eselswiese gehen.

Manchmal denke ich, dass die guten Tage nun die sind, die ich vor einiger Zeit noch als die schlechten Tage bezeichnet hätte, weil ich nicht wusste, dass es noch viel, viel schlechtere Tage gibt.

In 18 Tagen wäre Marek 13 Jahre bei uns, in 100 Tagen würde er 14 Jahre alt werden. Wir zählen nun die guten Tage, die uns die Kraft geben, die schlechten Tage durchzustehen, die guten Stunden, die die schlechten Momente überwiegen. Wenn wir auch die nicht mehr haben, werden wir wissen, wie glücklich wir heute gewesen sind.
Man weiß selten, was Glück ist, 
aber man weiß meistens, was Glück war. 
[ Francoise Sagan ]